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Die blaue Stunde „ Der Ruf des Windes im Laub der ohne Unterbruch zu mir spricht, eine dichte, hastige und eindringliche Sprache. Eines Tages werde ich dir folgen. Etwas aus meinem tiefsten Innern antwortet dir, fordernde Stimme... “ Gustave Roud schrieb diese Zeilen am 17.Mai 1929, bis auf wenige Tage – wir haben den 2.Mai 2012 – vor 82 Jahren. Und hier bläst der Wind heute, weit entfernt von den Wegen des Haut-Jorat. Es wäre vielleicht ein Wagnis, Gustave Roud auf einen weiten leeren Strand Nord-Europas mitzunehmen, ihn, der schrieb „ eine Landschaft offenbart sich nicht ohne eine menschliche Anwesenheit“, aber der gleichwohl versuchte, das Menschliche und das Unmenschliche (besser das Nicht – Menschliche), das die Berge in seinen Augen verkörperten, in Einklang zu bringen, „auf dass aus tausend verschiedenen Stimmen die Harmonie der vollkommenen Fülle zusammengefügt wird.“ Wer weiss, ob heute angesichts des totalen Krieges gegen die Schönheit der Erde, angesichts der erstickten Landschaft, übersättigt mit menschlichen Spuren, wer weiss, ob nicht Roud den unzivilisierten Weg des Windes wählen würde ? Und liesse dann das sanfte hügelige Relief des Haut-Jorat einen nicht von Wogen der Erde träumen ? Auf dieser Halbinsel leben zwei Welten unter dem fast unentwegten Einfluss der Luft : Der Kiefernwald. Der Meeresstrand. Einige Schritte hinter den Bäumen der Strand, unendlich – „ der erste Weg des Menschen “ – und ein haariger Wind, der ausgehungert bläst, lauernd auf gestrandeten Fischkleinkram, Ferienhütten und Schuppen ein wenig mehr abnützend, nicht aus Bosheit, sondern um ihr ursprüngliches Gesicht zu realisieren ; wilder Wind, frei und höchst gelehrt durch die Erscheinungen des Kosmos. Manchmal stelle ich mir die Halbinsel vom Meer aus vor : vielleicht hört man schon die Brandungs-wellen über dem untiefen Grund bevor knapp über den Fluten, eine Wolke von Meditation, der zarte, altrosa Lichtstreifen des Sandes im April auftaucht. Kaum fünf Kilometer breit, Skagerrak und Kattegat trennend, scheint diese Landzunge nicht endgültig zwischen Land und Himmel gewählt zu haben. So viel zu hören am Rand dieser Unschlüssigkeit. Wenn man irgendwo in einer Hütte, die der Wald versteckt hält, Holz sägt, pulsiert das Geräusch, dumpf, sickert durch den amberfarbigen Boden und den Torf in jedes Zimmer des Hauses. Eine Axt, eine Holzsäge, ein Messer zum Ausnehmen der Fische : Wer hier mit seinen Händen arbeitet, ist dem nomadischen Leben nicht weit entfernt. Hinter dem Fenster meines Arbeitszimmers, in diesem von Kiefernwald umgebenen Haus, kämmt sich ein rauer Wind von der offenen See her an der Mähne der Bäume, befestigt daran das Raunen des Meeres. Jetzt gerade regnet es. Nah dem Fenster die Krokodilhaut einer alten Föhre. Ihre untersten Äste trocken : ein ganz nasser Eichelhäher setzt sich darauf. Aufmerksam und unruhig späht er ins Innere des Zimmers, miauend vor Verblüffung oder Neugier. Wie wenn das funkelnde Blau seines Auges auf einen Blick die friedliche Atmosphäre des Zimmers ausgemessen hätte : sein improvisierter Tisch – eine Kommode ohne Schubladen – seine zwei Betten übereinander, die mir das Gefühl zeitloser Navigation geben. Wenn der Regen gerade fällt, wenn der Wald hinter der beschlagenen Scheibe eine lange Zeile von Kalligraphie ist vom ersten bis zum letzten Dämmerlicht des Tages, ist es eine Traumzeit um sich zu konzentrieren, sich auf einem Stuhl zu räkeln, und in sich etwas wie eine Atmung hochkommen zu lassen, etwas Fliessendes das Form annimmt, wie einen Augenblick lang der gerichtete Pfeil der Zugvögel am Himmel. Die Erinnerung steigt dann an diese oder jene Sätze Gustave Rouds hoch, von denen in diesem Moment bestimmte die tiefsten und hintersten Winkel des Geistes berühren. Die Gegenwart findet sacht das Einssein mit dem inneren Murmeln des Universums. „ Dass er ein Baum wird, sagt der Baum, und er wird wissen, was der Wind und die Erde sagen(...). “ Was vor dem Haus und um das Haus herum rauscht und atmet, ist der Kiefernwald, eine alte Pflanzung um die Dynamik der Dünen zu unterbrechen. Verschiedenartige Föhren, Tannen, zu welchen sich mit der Zeit und nach Vorliebe des Windes Birken, Weissdorn, Eichen gesellten. Letztere haben hier nichts Imposantes ; eher schwächlich, ohne sich wirklich zu entwickeln, brechen sie in alle Richtungen des Raumes auf. Ein verhaltener Tanz, flüsternd, er scheint voller Schwung den Blitz packen zu wollen, macht aus diesen recht alten Eichen einzigartige Wesen. Wenn der Abend anbricht, sehr langsam auf dieser Höhe und zu dieser Jahreszeit, kehre ich zwischen Kiefernwald und Strand unter dem weiten Himmel zurück zu einer unauffälligen, melancholischen Heide, bevölkert von Heidekraut, Erika, schwarzen Krähenbeeren, einzelnen Bäumen. Zu dieser Tageszeit ging Gustave Roud oft nach draussen, seine Spaziergänge bis in die Nacht hinein verlängernd. Hier bleiben, in der Stille – „ unaussprechliche Spannung “ ? –, das heisst das Menschsein auf interstellare Distanz zurückdrängen, „ die schreckliche Undurchdringlichkeit unserer menschlichen Nacht. “ Etwas weitet sich aus in dieser Landschaft : der ursprüngliche Elan des Wesens, bevor sich ein Sinn abzeichnet. Wenn man an diesem Ort lange genug ruhig bliebe, verschwände sogar der Gedanke nach dem Sinn... Kein Zweifel dass Roud diese Landschaft geliebt hätte, zu dieser Tagesstunde – die blaue Stunde für die Maler, die das aussergewöhnliche Licht dieser Halbinsel studiert haben.